Mittwoch, 14. September 2016

Interview --> Küp Seker

Zur Veröffentlichung seines Debütromans *Kamar & Sun* heute das Interview mit dem jungen Autor Küp Seker, über den ich dank Mira Morton gestolpert bin.

Leider ist er etwas scheu, der liebe Küp, so dass ich euch nicht zeigen kann, wie er aussieht *snief*, aber das gibt sich ja vielleicht noch.

Steckbrief
Name: Ich heiße Kenan Ümit Pirol Seker. Mein Vorname ist eine komische Mischung aus den Rufnamen meiner Urgroßeltern mütterlicherseits und dem Ortsvorsteher meiner Heimatgemeinde. Da mein voller Name sehr lang ist, haben mich von klein auf alle Küp Seker genannt.
Das ist im Grunde genommen echt cool, da es sich bei dem Begriff Küp Seker um die türkische Bezeichnung für Würfelzucker handelt. Man spricht es zwar als Küp Scheker aus, aber das sollte hier nicht so wichtig sein.


Geboren am/ in
1.1.1979 Trabzon / Türkei


Wohnort: Ich wohne und arbeite in Berlin, nach einigen Nebenjobs, meist als Reinigungskraft, habe ich nun eine fixe Anstellung als Lackierer in einem Werk für Motorräder.

Familienstand:
Ich lebe in einer Beziehung mit meiner Freundin Maria.
Sie ist groß, blond, sehr hübsch, Bankangestellte, adrett, klug, nett, gute Manieren, eine erstklassige Frau! Und ich liebe sie sehr.


Kinder:
Ich habe keine eigenen Kinder, aber ich habe eine Nichte und zwei Neffen.
Doch obwohl ich keine eigenen Kinder habe, bin ich gleichwohl ein Familienmensch.


Am liebsten hab ich:
Ich liebe Harmonie und Gemeinsamkeit. Ich schätzte die Stunden und die Zeit, welche ich mit meiner Familie verbringe.


Gar nicht mag ich:
Ich mag  es nicht mich zu verkleiden oder zu maskieren.


Erzähl doch ein bisschen über dein bisheriges Leben
Ich bin fünfunddreißig Jahre alt und lebe seit achtzehn Jahren in Deutschland.
Mein Vater ist seit den Siebzigern in Almanya – das ist das türkische Wort für Deutschland. Er hat die Türkei verlassen, als ich gerade laufen gelernt habe und exakt ein Jahr alt wurde.
Es war Zufall, dass mein Geburtstag genau am Abreisetag meines Vaters gefeiert wurde. Obwohl viele genau wussten, wann ich wirklich geboren worden war, wollte sich niemand an diesen Tag erinnern, und so wurde mir erst viel später, als ich selbst einen Pass beantragte, ein offizielles Geburtsdatum zugeteilt.
Der Beamte fragte nur: »Bist du im Winter oder im Sommer geboren?«, und als ich »Winter« sagte, wurde mein Geburtsdatum der 1.1.1979.
So bin ich laut Pass siebenunddreißig, aber in Wahrheit schon neununddreißig Jahre alt.
Nein, natürlich ist es unüblich in der Türkei, dass Kinder keinen regulären Geburtstag haben und nicht auf dem Standesamt gemeldet werden, aber bei mir hat es sich wie folgt zugetragen:
Ich kam mit einem sehr großen Kopf auf die Welt. Als mich die Hebamme untersuchte und meine Körpermaße nahm, sah sie lange in ihre Tabellen und erzählte dann allen ohne Umschweife, ich hätte einen Wasserkopf und wäre im besten Fall schwer behindert, im Normalfall würde ich aber schon in den ersten Monaten sterben.
Meine Eltern und Großeltern waren geschockt, da es tief in den Bergen von Trabzon am Schwarzen Meer zur damaligen Zeit sehr schwierig war, ein behindertes Kind zu haben. Das gab nur Probleme in der Gemeinde und es wurden das Gesundheitsamt und das Ordnungsamt aktiv.
Um sich das alles zu ersparen und um nicht die komplette Verwandtschaft gegen sich aufzubringen, wurde ich versteckt. Und das in dem puren Glauben und auch der Hoffnung, dass ich einen frühen Tod erleiden würde. Somit wurden keine Aufzeichnungen über die Geburt gemacht und keinerlei Eintragungen – ja nicht einmal der Geburtstag wurde notiert. Niemand wollte sich je wieder an diesen Moment erinnern.


Wie bist du dazu gekommen, zu schreiben? Und warum ausgerechnet in diesem Genre?
Mich belebt der tägliche Kampf ums Überleben. Ich arbeite jeden Tag bis zu zehn Stunden in der Fabrik und lackiere Motorräder. Und obwohl ich eigentlich gut verdiene ergreife ich jede Chance etwas Geld dazuzuverdienen, da das Leben in Deutschland echt teuer ist. Zum Schreiben braucht nur einen Computer und den habe ich mir geleistet.
Außerdem erzähle ich liebend gerne Geschichten. Meine Großmutter hatte mir das Märchen von Kamar & Sun als ich klein war erzählt und da ich diese Fabel immer liebte, will ich diese nun auch mit anderen teilen.
Die Geschichte handelt von einem kleinen tollpatschigen Löwen, welcher sich verlaufen hat und nicht mehr nachhause findet. Er lernt einen gelben Schmetterling kennen – Sun. Zusammen folgen sie dem Rat einer schlauen Eule, und finden sich alsbald auf einer Reise um die Welt wieder. Das Märchen handelt nun von den Abenteuern welche Kamar&Sun zusammen erleben. Der Roman steht für die Akzeptanz unter den Religionen und Kulturen, erzählt vom Mut zur eigenen Leidenschaft und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und motiviert dazu, neue Wege zu finden und zu beschreiten.

Anmerkung der Redaktion: Aufmerksame Leser der Interviews haben evtl. bemerkt, dass nur die ersten beiden Fragen immer die gleichen sind bei allen Interviewpartnern, die folgenden Fragen eruiere ich dann aus den vorhergehenden Antworten, so dass sie sehr individuell sind. Küp schrieb vor den letzten Antworten deshalb auch:
Da ich im Buch eine sehr genaue Beschreibung meiner Person habe, nimmst du mit deinen Interview-Fragen schon einiges dem Buch vorweg. Also nicht überrascht sein, wenn du das eine oder andere im Buch wiederfindest
Für potentiele Leser des Buches ggfs. auch wichtig, deswegen möchte ich das nicht für mich behalten


Du bist also deinem Vater nach Almanya gefolgt. War er in Berlin zuhause oder warum hast du dort jetzt deinen Wohnsitz? Der Rest deiner Familie (Mutter, eventuelle Geschwister) … wo leben sie?
Nein, wir wohnten zuerst in Kassel – da mein Vater dort beschäftigt war und ich über ihn auch eine Anstellung bei seinem Arbeitgeber – einem  Automobilkonzern - bekam.
Später dann zog ich, erst in die Wohnung meiner Schwester in Berlin, dann in meine eigenen vier Wände.
Ich schicke dir gerne mal den dazugehörigen Ausschnitt aus dem Buch.


In Kassel angekommen – in der Maximilianstraße 33 –,
gefiel es mir wirklich gut. Alle Straßen waren geteert, es gab
keine Kiesstraßen, keinen Staub, keinen Dreck, keinen Müll.
Nirgends!

Die Leute mähten sogar ihre Wiesen ganz kurz. Die
haben wirklich zu viel Zeit oder zu wenig Schafe, dachte ich
mir. Hier war alles anders! Aber am lustigsten fand ich die
Tatsache, dass die Hunde im Haus wohnen. In der Türkei
wäre das unvorstellbar. Es gibt nicht mal ein türkisches Wort
für Haustier! Wieso auch, wenn keine Tiere ins Haus
dürfen? Bei uns im Dorf sagen alle nur Evcil Hayvan, was so
viel wie zahmes Tier heißt. Mein Opa Emrullah glaubt
jedenfalls bis heute nicht, dass Hunde in Deutschland im
Haus wohnen dürfen und sogar noch gebadet, gebürstet,
gefüttert und gestreichelt werden. Und immer wenn ich mit
meinem Opa telefoniere, fragt er mich als Erstes, ob in der
Zwischenzeit auch schon die Ziegen und Schafe im Haus
leben dürfen.
Ich fand die Lebensweise in Deutschland anfangs einfach
nur witzig.
Die Menschen kümmerten sich um Kleinigkeiten und
legten dabei noch eine Sorgfalt an den Tag, dass mir fast
schlecht wurde. Zum Beispiel bei der Mülltrennung. Bei uns
in der Türkei gibt es auch Mülltrennung – wir trennen
einfach den Müll von dem Nicht-Müll, fertig! Doch hier –
das war keine Mülltrennung, das war Religion! Anfangs
dachte ich immer, man erlaubte sich einen Scherz mit mir,
da ich neu war, frisch aus der Türkei. Aber nein, man
meinte das wirklich ernst.
Gelbe Kiste, rote Kiste, grüne Kiste, schwarze Kiste,
Altkleider, Altschuhe, Altöl, Sperrmüll, Reststoffe. Der
Müllraum war größer als die Küche!
Und ganz ehrlich, ich habe mich bis heute nicht getraut,
dies meinem Großvater zu erzählen, weil er spätestens dann
überzeugt gewesen wäre, dass die Behinderung bei mir doch
noch ausgebrochen ist.
Der größte Unterschied jedoch – und das machte mir
wirklich zu schaffen – war, dass man nicht einfach zu seinen
Nachbarn gehen konnte und dass diese nicht einfach zu uns
kamen. Wohl kamen unsere türkischen Bekannten zu
Besuch, aber so wie in der Türkei, wo jeder zu jedem
Zeitpunkt überall willkommen war und fast schon ein Teil
der eigenen Familie darstellte, nein, so war es in Deutschland
nicht. Hier hatte jeder seinen eigenen Garten und sein
eigenes Haus. Die Türen waren immer verschlossen und
öffneten sich nur, wenn man vorher klingelte. Bei uns im
Dorf gab es kein einziges Haus mit einer Klingel. Wieso
auch? War die Tür auf, durfte man reinkommen, war sie zu,
dann eben nicht.
Ansonsten war Kassel super. Ich arbeitete als
Autolackierer und war nach einiger Zeit richtig gut in
meinem Job. Am Wochenende lackierte ich Auto- oder
Mopedteile von Ayses Freunden und Kollegen und konnte
etliches Geld dazuverdienen. Bald war ich echt reich. Ich
verdiente zuerst nur etwas über 1000 DM, aber am Ende an
die 1400 Euro netto, gab zu Hause die Hälfte ab, ging
eigentlich nie aus, trank nicht, rauchte nicht, keine Drogen,
keine Exzesse. Somit blieben im Schnitt fast 700 Euro jeden
Monat übrig – und die sparte ich, da ich alles, was ich zum
normalen Leben brauchte, problemlos von den Sonderzahlungen, der Schmutzzulage aufgrund meiner mit
Verunreinigungen einhergehenden Arbeit und der
Schwarzarbeit begleichen konnte. Folglich hatte ich nach
zwölf Jahren im Jahre 2008 meine ersten 100.000 Euro auf
dem Sparbuch.
Ich war zu recht echt stolz und faktisch reich! Ich
überlegte sogar ernsthaft, wieder zurück in die Türkei zu
ziehen, mir ein Haus zu bauen oder eine Wohnung in der
Stadt zu kaufen, um dann einfach nur wohlhabend zu sein.
Es kam jedoch leider alles ganz anders. Die Krisenjahre
2009 und 2010 trafen unsere Familie schwer. Erst verlor
mein Vater seine Arbeit, dann auch ich. Vater bekam sehr
schnell über ein Programm der Regierung eine neue Stelle in
Würzburg und wohnte dort fortan mit meiner Mutter in
einer staatlichen Einrichtung. Allein konnte ich die
Wohnung in Kassel nicht halten, und so entschloss ich mich,
zu Ayse nach Berlin zu ziehen.
Sie lebte mit ihrem Mann Olaf seit 2002 in der
Hauptstadt.


Wirst du noch mehr Geschichten deiner Großmutter erzählen?
Wäre durchaus denkbar. Sie hatte immer liebend gerne Märchen erzählt.
Und es wäre noch einige Geschichten welche man schreiben könnte.
Aber ich habe mich aktuell so sehr auf Kamar & Sun eingestellt, dass ich noch nicht wirklich Zeit hatte mir das genauer zu überlegen.


Lieber Küp, vielen vielen Dank für deine Zeit, ich hoffe, ich konnte dich dadurch auch ein bisschen von deinem Lampenfieber ablenken *lach und nun bin ich gespannt, was ich in deinem Buch noch so alles lesen werde, hoffentlich ist bald Abend. Oder fang ich ausnahmsweise doch jetzt schon an? neugierig genug bin ich ja.


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